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Full text of "Von den Lebensidealen"

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?on ^etiensibialett 


Ötn Vertrag 

ton 

Dr. f. UH fff. 


Berlin. 



Werlag uon IPirganM *V (ßrirbrn. 


'gJott ^eßeitötbeafen 


©in ©ertrag 


»et» 


Dr. f. Wirft. 


93erltn. 

Dfrlag »oit tUirganbl & ftritbtn. 


1048 . 





.'41 

UJ637 v 


! 

I 



#o$geetyrte Serfammlung!*) 

9Jtan $at mich gefragt, ob eö jeitgemäjj fei, je&t 
»oti Sbealen $u reben; je&t, ba* l>ei§t in einer 3eit, 
Me wie feine $u»ot bem 9*eali«mu$ ergeben $at, 
bie lauter (Gegenwart ift, unb in ityrer $aft um greif* 
li$e 2>inge in ©efafyr gerate, ben Sinn für bie <$üter 
ber unfi^tbaren 2Bclt ju »erlieren. ©enn eö fo ift, 
fo liegt gerabe barin eine [Rechtfertigung ber ©a^l be« 
2^ema’«. äuch bleiben ja bei allem fonftigen SÖec^fel 
bie fftatur unb bie tiefften Öebürfniffe ber menftb* 
liefen Seele, mag man jte auch auf eine 53eile $ura 
Schweigen bringen, bennoch biefelben. £>a$ SÖcrt 
3beal hat barum für Siele noch immer bie SÖirfung, 
wie wenn bie Seele bezwingt würbe, fith in höhere 
[Regionen ju ergeben; unb bringt nicht Sielen auch 
biefe 3eit befi Äir^enja^rß wieber Stille unb Summ* 


•) Ift ©ertrag if) am 23. ftft| b. 3. im ffcangttifdrn Srtcti 
|n Berlin gehalten. Chnige €leHrn finb tm Irutf um wenige« a* 
trriUrt werben. 3m übrigen f. tal 9to<b«rcrt- 



4 


lung, ^inaufjuge^en gen 3 etnfalem, ber ^rc^gebauten 
Stabt? 3ft e« ferner bei aUem Streit ber ©egen* 
jäfce unb bei aller 9teth be« ©erben« bennoch eine 
große 3 eit, worin wir leben, fo ift fie eö nur burch 
bie großen Aufgaben, bie ©ett 3 U einer Prüfung ber 
©eifter in fie gelegt $at; unb bie örfenntnifj jolcher 
Aufgaben ift nicht« anbere« al« bie Slnfcfcauung großer 

t 

3 been, bie auf Berwirflichung warten. 60 fehlt e« 
nicht an Slnlap, ba« ©ebiet be« ibeeden Seben« $u 
betreten. 3<h glaube, wir legen einen guten ©runb 
§ur Berftänbigung, wenn wir unfl juoßrberft in bem 
Sprachgebrauch orientiren. 

(5« wäre eine interejfante unb für bie ©efc$i$te 
ber ©eifte«cultur fruchtbare Unterfuchung, wann bie 
jeßt gebräuchlichen grembwörter $ur Bezeichnung gei* 
ftiger unb fittlicher 23cr^ältniffe in allgemeinen ©e* 
brauch gefommen, unb an bie Stelle welker beutfcber 
©Örter fie getreten pnb. Daß ©ort 3 beal ift bei 
un« etwa oor hnnbert Sahren erft beimifib geworben. 
Bei Seffing unb Äant pnbet e« fich fchon, ohne baß 
e« fich mit einem torhanbenen beutjchen »eÜig becfte. 
(5« war eine Bereicherung ber Spraye, aber für 
welchen Begriff? gür unfern 3wecf genügt barüber 
golgenbe«: 



6 


Sa« griehÜh* ©runbwort 3be e bezeichnet $uerft 
eine ©ejthtswabruehmung: burh bie genfter ber 
Äugen unb bie nach außen gerichteten ©inne über¬ 
haupt fteigen bie Singe in unfer 3nnere«, werben 
SBilber, bie wir behalten auch wenn wir bie Äugen 
ihliefjen. Äber bei biejem ©ein in un$ gewinnen bie 
Singe einen geiftigen (Sharafter: au« uerfhiebenen 
Änfchauungen bilbet fich ein ÄÜgemeineS, bem bie 
concreten Singe ber 9Birfü$!eit nur wie Ärten einer 
©attung unb nur unooÜfointnen entsprechen. ©o fonn« 
ten bie ?>htlofopb*n bie 3bee, alfo nun ba« mit bem 
geiftigen Äuge @rblicfte, alfi bae eigentlich ©efenljafte 
ber Singe bezeichnen, a(d ba« Urbilb, wooon ba« 
wirflih Gfriftirenbe nur ein Äbbilb, oft ein 3errbilb 
ift. 3ft fo bie 3bee ber h^hfl* allgemeine Begriff, 
welken ficb ber Berftanb uon ben Singen bilbet, ba« 
begriffsmäßig BoUfommene, fo ift ba« 3 beal bie 
inbioibuefl geworbene 3bee; inbioibued fewoßl nah 
ber fachlichen wie nah ber perfcnlicben ©eite: bie 
reinfte unb fhenfte ©eftalt, welche etwa« in unferer 
Borfteflung unb unferm ©emüth«leben annimmt. 2Bir 
werben später fe^en, baß e* auh Sbealbilber ebne 
3 bee geben fann, bie ebenbeSbalb werkle« ftnb. 3been 
geßüren mit 9lothwenbigteit gum innern .{jauSßalt ber 



6 


menf<$li<$en Seele, wenn fte fich über ba« nachfte 
Seben3bebürfni§ ergeben will; unb wie bem leiblichen 
2)afein, wenn e8 nicht oerfümmern foU r Suft, Sicht 
unb Nahrung unentbehrlich finb, fc bem geiftigen 
Freiheit, Siebe, ©aljrheit, b. h- rin Seben in unb für 
3 been. 

Da« wa« in bie Gpiftenj tritt, ift ben 93ebin* 
gungen ber zeitlichen Unootlfcmmenheit unterwerfen; 
aber feine S3eftimmung ift hoch, bajj bie 3*ee in ihm 
mehr unb mehr wirflich werbe. Der »orhanbene Staat 
ift nicht ber tollfemmene; aber aflefi gefunbe Seben 
in ihm ift ein Streben zur 93erwirflichung feiner 3bee. 
Die erfcheinenben Dinge unterliegen bem natürlichen 
©anbei unb finb terg&nglich; bie 3been haben ba« 
wahre Sein unb finb uneergänglich; wie bie $rin» 
Zejfin, bie Schülerin bei fMato, im $affo au«ruft: 
„ich »ri§ e«, fte ftnb ewig, benn fie finb.* Die 
Sonne ftrahlt immer in bemfelben Sicht, mag e« eom 
reinen 33lau be« $immel6 fuh über bie Grbe ergießen, 
ober burch bunfle ©olfen gebampft ju un« fommen. 
Gbenfo hat baö 3beal ein htntmlifche* Dafein, ift an 
fich unb in feiner 93otIfommenheit ben 3ufäUigfeiten 
irbifcher Gjiftenj entrücft. 3n welchen Fimmel ^aft 
Du geblicft, aU Du bie« Ängeficht malteft'? fragte 



ber |>apft ben Blaler JRafael bei einem üflabennen* 
bilbe. 9 lber wie bie f$6pferif<$e Äunft ein Sbeal »er» 
gegenwärtigen fann, fo liegt e0 auch feine0weg0 im 
SEBefen beffen, wa0 wir 8eben0ibeal nennen, ein ab. 
folut 3enfeitige0 ju bleiben. ©0 fommt auf bie innere 
©a&rbeit beffelben an; unb »on ber fann eine fo 
weite abirrung ftattfinben, ba§ ba0 3beal jur (Sari* 
catnr unb un0 gum ©öfcenbilbe wirb, ba0 gleich¬ 
wohl unwiberfteblicb ber (Seele bemächtigt, wa0 bie 
Sprache mit bem Söort 3bol bezeichnet. 

Dajj ba0 3 beale in biefe0 8eben0 engem Kaum, 
bafj e0 in ber menschlichen Statur 9>la& ift ihr 
( 5 igenfte 0 unb macht ihren befcnbern öbarafter au0, 
biefe wunberbare Bereinigung be0 3eitlichen unb (Ewi¬ 
gen in un0, eine Duelle h*<hftrr Befeligung unb tief* 
ften ( 5 lenb 0 . aufrecht, ba0 #aupt nach oben gerichtet, 
ftetlt ber ÜRenfch bie Roheit unb ben abel feiner 9 iatur 
»or allen ®ef<hdpfen bar; feine Seele fann fich in 
ben Fimmel emporheben: aber ein ©efep ber Schwere 
unb ber Trägheit führt fte jurücf unb hält Re am 
©oben feft: wie |toifchen zwei Blagneten, bie fich *h n 
ftreitig machen unb ihn wechfelnb aufwärt0 unb her* 
nieber ziehen. Bor biefem Btäthfel unferer Doppel* 



8 


natur fte$en wir fragenb; unb bei miebeterma<henbem 
Bemufjtfein baoon haben mit juerft immer bie ßmpfin- 
bung eine« tiefen TOgoerhältniffeg. Sie ©emohnheit 
beg Sebeng beruhigt fich bei ber J^atjac^e, bajj eg fo 
ift; aber bet fRüdf^lufj ton bem Vorhanbenen auf 
ein Verloreneg ift in allen 3«italtern $ura Hhnen 
ober ©lauben gemorben, bajj eg einft anberg mar mit 
unferm ©ef^lec^t, bafj im Anfang ein VoUfommnereg 
mar, ein 3«ftanb, au« bem eigene ©ntartung ben 5Ren- 
f<$en ing ©ril, ing ©lenb getrieben, unb na$ bem 
fie nic^t aufhören fl<h jurütfjujehnen. Beftimmter, 
tiefer unb anj($auli$er bejeicbnet eg bie Offenbarung 
alg bie golge eineg tiefen, bur<h Sünbe »erf<hulbeten 
gaUeg aug bem £immel einer befeligenben ©emein- 
Haft. Ser gaü mar ein 3<tHeUen, unb bie 3erftö* 
rung eine hoppelte: aug ber ©inheit mit ©ott, unb aug 
ber ©inheit mit ung jelbft finb mir gefallen: fietye ba 
bie tieffte Urfa^e unserer irbif<hen Unfeligfeit. 

Sag gan$e 8eben nun beg ©injelnen unb ber 
Golfer ^at ben 3ug jurücf $u ber oerlorenen ©inheit: 
^erftetlung, Befreiung, SBieberbringung: bag Ver¬ 
langen bana$ ift ber innerfte Srieb ber Seele; eg 
ift bag allgemeine Senken ber ©reatur; unb fo hat 
f>agcal ben 9tatj$en einen entthronten Äenig ge* 


9 


nannt, ber feine $er?unft unb feine tfrone nic^t ber* 
geffen fann. 5)a« ^ec^fte unb befie Jljun be« ÜJlen- 
f$en, mag eß ft<$ auf i$n felbft, mag eß fttf) auf 
Slnbere unb feine Umgebung bejie^en, welken Ur- 
fprung $at eß alß biefen? Derfelbe 3ug ge$t bur<b 
bie 2Beltgef<$i<$te unb bur$ baß befdjranfte geben beß 
(5in$elnen. (5in ©oÜen in un«, weit ^inaußge^enb 
über SÖoüen unb 2$un, $flrt ni$t auf, un« an biefe 
gebenßaufgabe $u mahnen. &u($ bei ben bebeuteub* 
ften 9Jtenj$en, maß ift bie Summe i^reß geben«, all 
bafj fte gerungen $aben, ftc$ jelbft non irbiföen £an» 
ben frei ju matfcen, ben 3^en beß ©uten, SÖa^ren 
Kaum $u jtbaffen in ber Sßelt, unb baburtfc au<$ 
auf Slnbere befreienb ein$umirfen. 3$el<$ ein Slnblicf, 
biefe Slufeinanberfclge ber ©efcfcletbter! ©ie machen 
auf unb fteigen tnß ©rab, ein anbereß füllt bie ©teile, 
unb fo ge^t eß fort — unb jeber ber Unjätyligen $atte 
ein #er$ t?cU $8ünf<£e unb Segetyren na$ bem, maß 
ber irbifttyen UnooQfommen^eit gegenüber alß baß 
23effere, Befriedigung ©ebenbe erjc^ien, fo gro§ ber 
Srrttyum babei fein motbte. Stile $oejie, ber Jon ber 
Älage unb ber greube, er gilt einem leeren ©lücf, 
einer tieferen S3efriebigung, alß bie SlUtaglictyfeit beß 
geben« fte barbietet. 



10 


$)a« allem Realen ©eraeinfame ift (tauich ^ 
©egettfap be« natürlich gegebenen IRealen, SBMrflic^fn; 
bo<h fo, bajj biefem babei immer ber ©egriff bei 
Srmuth unb Un&ollfommenheit anhaftet. Slber bie« 
©efühl einer Ungenüge ift nur ber eine gactcr; ihm 
geiellt ftch fofort ber anbere ju, bie fc$opferten, 
un« über bie irbifc&e 93ef<fcr5nft1?eit hinau«tragenben 
Äräfte in un«; bie gefchaftigfte oon ihnen ift bie 
$$antafte: am UnooUfommenen werft unb nährt fte 
ben <5inn für ba« ©oflfommnere; fte $ieht un« au« 
bem unbefriebigenben fttahen in bie räumliche unb 
jeitliche gerne, in eine Legion be« deinen, greien, 
SRü^elojen: e« ift ber entgegengefefcte $cl be« $>eim» 
*e(«. 

3)er Gontraft be« natürlich SBirflit^en unb be« 
Sbealen ift ba: er fäflt mit mehr ober weniger ©e« 
wujjtfein bauen in jebe« menf^li^e £>afein. Un« 
fommt e« barauf an, ju betrauten, wie er aufge» 
noramen wirb, cb e« eine unau«gefütlte Äluft bleibt, 
ber ©egenfap feine Schürfe unb 4>arte bemalt, ober 
ob irgenbwie eine 9lu«glei<hung unb 33erfö$nung ge- 
funben unb möglich ift. 2)ie« ift ba« eigentliche 3*el 
unferer ©etrachtung. 

6« wirb gut fein, fte nicht fofort auf ba« rein 


11 


$erftnli<$e gu befcbrcinfen, wat für mi$ ober bict? 
ein Sbeal ift gu tyaben, gu fein, gu erlangen. Waffen 
<Sie und oielmebr, um bat ©ingelleben beffer gu eer- 
ftetyen, ben ©lief guerft ein wenig ba^in erweitern, 
wie ber 3beali«mn8 im geben ber ©ölfer erf^eint. 
@t ift fein Umweg, ben wir bannt betreten, SSit 
werben fe$en, wie »ergebene ©efriebigung ber ibeale 
Stieb fu$t, unb wie jic$ in bem Allgemeinen bat 
rerftnlid? ©efonbere fpiegelt. ©oQenbt ben hinter* 
gmnb unserer heutigen ©olftart, wie fiie in unferer 
©ef$i<$te unb giteratur erfc^eint, fönnen wir nictyt 
entbehren. 2Öie biele gebentibeale $aben R<fo bei unt 
g. ©. an Spider unb an 3ean paul entgünbet, unb 
biefe fmb bo<$, wie jeber nationale S^riftfteüer, allein 
aut ber Sotalitat bet ©eiftet unb ber fRatur feinet 
©olfet »erft5nbli<$. 3öit wollen für unfern 3»e(f nur 
auf gwei ©ölfer bliefen, bei benen ibeale ©eftrebungen 
ftürfer unb reiner alt bei anberen ^erborgetreten finb: 
bie ©rieten unb bie Deutfdjen; Re Rnb barin geiftig 
»erwanbt, jene bie Sräger bet antifen Sbealitmut, 
biefe bet d>riftli$en. 

ü)at ^eflenifdje ©olf erf^eint uni in feinen erften 
3eiten wie in ber 3ugenb bet 9Renf$engef<$lec&tt fte- 
$enb: jene innere ©ntgweiung wirb no<$ wenig empfun* 



12 


ben. 28ad mir Sentimentalität nennen, bafur fyabtn 
fie feinen Warnen, weil fte bie Sache nicht fennen. 3Bit 
fe^en ein glücfliched unb befriebigted Waturbafein; unb 

wie jte felbft Watur waren, fo war bad 3t«l 

• 

ibealen Strebend unb Schaffend auch nicbtd ald eine 
oerebelte Watur. (Damit befinben wir und auf bem 
©ebiete ber Äunft. Sie giebt fchtyferijch bem Sbealen 
ein realed (Dafein. (Die ©rieten fannten feine 3bee, 
bie ihnen nicht fogleich plaftifc^e ©eftalt angenommen 
hätte. ©in 3Sort bed Sinned, wie ed bei ^effing not- 
fommt: Wafael würbe berfelbe ERaler gewefen fein, 
auch wenn er ohne #änbe geboren wäre, hätte fein 
©rieche fagen fönnen. 3h* ganjed geben war non 
biefem fünftlerifchen 3bealidmud burchbrungen, unb 
ihre wie in unerfchtyflithem Waturtrieb ^ernorquel« 
lenbe Ännftübung ift bie 33ewunberung aller 3«iten 
geblieben. Äßrperlic^e unb geiftige Schönheit ober 
Jüonfommen^eit $u Unterseiten lag bem h*fl<niichen 
Sinne fern: bad Schone ift ihnen immer auch bad 
©ute, unb fo fprachen fie auch i^r ©ottedbewu&tfein 
in biefer gcrm einer menjchlicb ibealifirten Watur aud. 
(Die (Dieter unb bie Äünftler fcbufen ihnen ihre ©Otter, 
unb jo glaubten fte mehr an bie Äunft ald an bie 
©ötter. Äber bei ihren großen (Dichtern, bei aejchplud, 



13 


©optyofle« fpri$t fi($ be<$ f$on ein Verlangen, ein 
Gingen nach bem ©lauten an einen ^eiligen, geregten 
©ott au#; unb tyre Sragöbien ftnb jugleicfc fe$r ge¬ 
eignet barjut^un, wie 3beale ber ^oc^fle poetifcbe ©etyalt 
be« 9Nenf$engeifte8 ftnb. ©atyrenb i$re ©ruber in 
Mutigem £aber gegeneinanber fielen, $at Antigone 
ein 3beal gej$wifterli$er Siebe im $erjen unb ge^t 
bafür in ben 2ob. ©o ift ba« waf>r$aft 2ragif<£e 
immer ber .Kampf für eine 3bee, bie fi$ int 9Jlen- 
fiten ju einem 3beal au«bilbet, bie größer ift al# er, 
unb für bie ein Opfer $u werben fein Unglürf im 
gewö^nlittyen ©inne ift, fonbern ©ieg unb ©erflä» 
rung ber 3bee. 

Slufier ben JDic^tern finb e# befonber# bte $tyilo- 
fop^en, wellte ben ©cbanfett an eine $3$ere 3bealwelt 
$lu#brutf geben. 3$ nenne nur Ginen, beffen 9tame 
and) bem weniger Äunbigen wie ein ©pmbol be# 
3bealcn flingt, $late. Gr $at non ber Gntjweiung 
ber mrnf(Mi<$en 9iatur eine tiefe Grfenntnifj unb 
Gmpftnbung. Die« irbifdje 2>afein in feiner taufenb« 
fachen ©ebunbentyeit oerglcic^t er mit bem Sehen in 
einem unterirbifc^en Kerfer, worin bie ©efangenen 
uon 3ug^nb auf angefettet ftetyen unb in bem Sid>t, 
welche« burc$ ben Gingang oon oben $ereinfällt, nur 



14 


bie Debatten ber Dinge wabrnefcmen, bte jich in bet 
oberen 2Selt bewegen: fo galten fie au« ©ewo^n^eit 
biefe Statten für bie Dinge felbft, unb finb, wenn 
fie au« bem ©efängnifj ^eroortreten, unfähig gewor* 
ben, mit ihren an ba« Dunfel gewöhnten Augen ba« 
Sicht gu ertragen, kommen fie aber enblich bagu, bie 
^)errlic^feit ber Dinge im reinen Sonnenlicht gu er* 
fennen, unb jprechen fie gu ihren früheren Gfenoffen 
ber ÄerfeTbunfelheit baoon al« non bem Schöneren 
unb 33egchren«wertheren, fo werben fie oon ihnen al« 
Unjinnige oerlacht. 2Sie tief empfunben faricht au« 
biefem Jöilbe bie Älage über ba« menfihlicbe Soo«, 
ft<h lieber an Schatten gu weihen, al« im Sicht ber 
Wahrheit wanbeln gu wollen. 

Diefe h<He (frfenntnifj nun geht ihm immer auf 
bie 3been, auf ba« Oöute, iöabre, Schöne an fich, 
währenb c«, wie e« mir unb bir erfcheint, ein nid* 
fach betrübte« 9tachbi(b fein fann. 3Bch fr wiffen wir 
aber oon biefem wahrhaftigen Sein? 9>(ato fagt: e« 
ift eine Söiebererinnerung. 53or unjerer ©eburt, ehe 
bie Seele in ben Äerfer biefe« Seibe« eingefchloffen 
würbe, war fie im $imn;el, unb lebte ein felige« 
Daiein mit ben ©öttern unb im Anfcha’ien ber rei¬ 
nen begriffe be« Urbilblichen. Durch bie öeburt 


15 


»erga§ fie ta3 aUeö, unb begegnen ihr nun in bie- 
fern trbifchen Dafein (Brf Meinungen eblerer, h^ret 
2lrt, fo hämmert e« ihr auf wie (Srinnerutig au ba« 
einft ©efäjaute; bie glügel fangen an i^r gu warfen, 
fich »lebet aufjufchwingen woher fte ftamrnt. Die au«- 
gebilbetfte ©eftalt erhalten hei $latc bie 3been in 
bem munberbaren Sau feine« ©taatöibeal«. 

9(1« aber im Ältert^um bie jugenblich forglofe 
Sefriebigung an bem Natürlichen unb an ben f)^an- 
tafiegebilben not bem benfenben ©eifte nicht länget 
Seftanb ^atte, that fich eine ungeheuere Äluft auf 
$wifehen ben ibealen Slnfcbauungen unb ©ünfehen unb 
ber 9Sirfli($feit # unb nicht« ift ba, wa« fie au«,ju- 
füQen oermag, nicht«, wa« einen $rcft gemährt. Unb 
al« auch bie romiiche 3öelt an ihren 9leali«mu« ft<h 
gefättigt hatte, ba finb e« ©timmen ebenfo bet büfteru 
diefignatron wie bet SerjWeiflnng, welche auf bie 
Unmcglichfeit hrn»etfen, ben teijjenben ©trora jwi- 
f<hen ben beiben weit getrennten Ufern $u überbrucfen. 
(Sin ötebräfentant biefer ©timmung ift bet ältere 
fMiniu«, wenn er au«ruft: „O ein 28efen bellet 
SBibetfpruche, bet 5Henf<h, ba« unglucfieltgftc aller 
©efchcpfe; bei ber graten Sefehränftheit in« Unenb* 
liehe gehenbe Qöünfche; feine ganje Statur eine Süge, 



16 


bie grüßte 2lrmfeligFeit mit bem größten $ocbmutß 4 '. 
2)ie« ein Selbftjeugniß über ben tragifäen &u«gang 
be« Ältertbum«. 

Unb al« bie 3eit erfüllet mar, fanbte ©ott feinen 
©ctjn: e« Fam bie $$erfünbigung eine« „grieben« 
auf ©rben unb ben 3Renf(£en ein SSo^lgefaflen*; unb 
bie G-ßriftenßeit ge$t ißm aQia^rlic^ entgegen mit 
bem SBeFenntniß: „2>u füdft be« tfebcn« Mangel 
au« mit bem ma« emig fteßt*. ©ott felbft in feiner 
UnenblidjFeit ju erFennen ift bem emigen f?eben »er« 
bemalten: ben ^ulbooßen 9ftenf$enfcfyn gu oerfte^ert 
mar f<$cn tyier ben 5Jienf$rn möglich 3)a« Älter« 
tljrnn mar in allen feinen ibealen 53orftcßungen nic^jt 
übet ben 9Henf($en ljinau«geFommen: in Gßrifto ßatte 
bie ÜJienldj^eit ein göttliche« $$orbilb, unb in i^m 
mar nun für alle« fittli^e £eben ein beftimmte« 9Jlaß 
unb ©efe& gegeben. SSir merben ßinfort barauf gu 
ad?ten $aben, mie bie« erfannt unb aufgencminen ift. 

3>a« Gtyriftentljum überbot alle« Stetige an 
Sbealität be« Söefen« unb ber gorberungen. (5« nimmt 
un« jtbon tyer in eine (gemeinf$aft auf, bie ni<$t 
»on biefer ©eit ift unb bie aßmä^tige Äraft, bie un« 
barin erhalt, ber ©laube, ift „eine 3unerft$t gu bem, 



17 


bafl man nicht flehet*, unb foU fogar jur Siebe merben 
ju Ginem, ber un# $ueTft geliebt, bem nie gelegenen 
ftreunbe unterer Seele —, gorberungen, bie bem na¬ 
türlichen iWenitten unmöglich erfepeinen; unb bennoch 
ftnb fie efl, bie bie Sebnfucht ber ©eit ju ftiOen be* 
ftimmt mären, unb bie fie »ermanbelt haben. Ghriftud 
felbft, ber ÄUerreracbtetftr, unb bennoch Cütattrf Sohn 
unb ber (Bc^önfte unter ben SWenkhenfinbern; unb 
fo bei benen, bie ihm angeboren: „fie manbeln auf 
Grben unb leben im ^immel*. 

2>er 3beali#mu# be# Slltertbum# mar tbeil# äftbe- 
tif<h unb ppilofcphikb, tbeil# politisch gemejen: in ber 
(hriftlicben ©eit jieht er feine Nahrung au# ben Sie¬ 
fen be# G)emüth#, unb h a * vielmehr einen fittlichen 
unb religiofen ö^arafter. 

2)ie erften «hriftlicben Sahrpunberte torfuepten e#, 
»oflftanbig Graft ju machen mit bem neuen Seben#- 
princip; ebenfo ba# Mittelalter, bie am meiften ibeal 
gerichtete 3eit ber ganzen ©efchichte. 511# ©runb$ug 
tritt h^or bie innige Eingebung be# ganzen 2)afein# 
an religibfe 3been. 9Rur au# biefer Sebnfucht nach 
oben »erfleht man bie Sprache feiner ^cefie, feinet 
bimmelanftrebenben 5)cme, feiner ganjen Äunft. 3n 
ihrer tiefen Snnerlicpfeit, in bem triumpbirenben 

s 



18 


iöewußtjein, tbeil^nbaben an einem über bat irbijdje 
binau«reicbenben ewigen (leben, gebt bie feelenoctlere 
cbriftlicbe Äuuft über aQe ©irfungen antiter iHaftif 
binau«. $)erfelbe ibeale 3«S liegt in ben großen 
mittelalterlichen Unternebmungen ber Surften unb 
SJölfer, wie in ber unbebingten Aufopferung be« 
(5in$elnen für h*Wfl e 3werfe. OTü biefer »ertieften 
üebentauffaffung mußte aber autb ber Gontrafi größer 
werben jwikhen bem waö ift unb bem wa« fein foQ. 
3)ie 5)ilbfltmonien, oon benen ba* Heben griffen 
wirb, traten oiel fchroffer unb gewaltiger tymox al* 
in ber alten 38elt, wo mit einfacheren Mitteln lange 
eine gewiffe (Bangheit be« hebend, ein barmonijcber 
©inflang ber Äräfte, erreichbar war. 2>ie SBebingun- 
gen, baffelbe auf cbriftlicbem ©oben ju erreichen, waren 
unenblich fchwerer, währenb bie menschliche Biatur bie* 
felbe blieb. 

23ei ben £)eutfchen war fchon oon ben Otcmern 
in ber Religion, in ihrer Schwung ber Stauen unb 
in ihrer reineren Sittlichfeit ein ibealer 3ug wahr¬ 
genommen worben. Diefe natürliche 3nnerli<hfeit 
würbe ein bereiter ©oben für ba8 (ihriftenthum, unb 

erhielt burch baffelbe einen tieferen befruchtenben 3n- 

• 

halt. 2)a« gange ©eifteöleben fce» 5>clfö ging in 


19 


tiefe Stiftung mit ter sollen Eingebung feiner na- 
türlicben 2reue unb Siebe ein, unb fannte Sa^un- 
terte $inbur<$ feine ^ö^eren 3ntereffen. 

0o fonnte gerate $)eutf$lanb baß Sanb bet 9te* 
formation werben. Slber e« fam eine 3*it, wo baß 
Unheil ter Politiken 3«rfpUtterung beß 9lei<f>« ni<$t 
nur ten nationalen (Binn fdjwadjte, fonbern aud? bie 
(Reformation nicht me$r $u ihrem Otedjt unb i^rer 
Äraft fommen lie§. 2)a« alljeitige Öiltungßftreben 
unb bie ganje geiftige (Regfamfeit beß SBolfß oerlor 
bamit aUmä$li$ tie fixere ©runblage feiner alten 
$$atfraft. <So würbe i$m fein geiftiger SSorjug jur 
Urja^e ter 6$wä$e. 5Baß tyalf eß it>m, ter 3n* 
fcaber ton 3heen unb ter Hufftefler oon 3healen 
$u fein, wenn eß an tem Vermögen fehlte, ben 
©ebanfen mit ber 38ir!li<$feit ju serbinben? 2Öä^- 
renb eß barüber fann, blieb eß lange 3*it weit hinter 
ben 336lfern jurücf, bie ftety beffer auf ben iRealiß- 
muß beß Sebenß »erftanben. 3n tiefer (Begebung 
ift betonter« baß rorige 3a^r^unbert lefyrreicty. $>er 
2Bertl> ber alten pofitioen ©runblagen beß beut- 
fc^en QSolfßlebenß, beß nationalen ^iftorif^cn 53o- 
ben« unb te« <$riftli<ben ©laubenß, würbe oerfannt. 
-JJian machte fidj meljr unb me^r oon beiten lo«, 



wie ton S^ranfen, feie ben freieren Äufföwung 
^emmten. Öl war eine SRütffetyr $u bem Siaturalil» 
mul ber allen ©eit. 

2)ie ibealen 93orfteHungen, mit benen bie 3«it 
ft<$ erfüllte, tyaben barum alle etwa! Äbftractel unb 
ftnb wie eine glu<$t »or ber ©irflid?feit. 3Bel$e 
fRoüe fpielte in ber jweiten Hälfte bei »origen 3a$r- 
^unbertl bie 3bee bei ©eltbürgert^uml unb einel 
allgemeinen «Ratur» unb $öemunftre<$tl; ebenfo in 
Religion unb Sittli<$feit bie gcrberung einel weit» 
bcrjigen unflaren £umanilmul. ü)ie $(ufflärung fefete 
bie 5Renf<$ljeit an bie Stelle ber ö^riftenbeit, unb 
«Raturwabrbeit feilte bal bcdjfte ©efefc aud? für bal 
fittlic^e 8eben fein, öonfequent entnahm fofort ber 
pabagogifäe 3fcrali*niul ber 3<it, an 3. 3- jRouffeau 
genarrt, »on baljer feine ^rincipien, bie 3ugenb $u 
reiner Humanität au erjie^en. fÄter el ift immer 
nur ber ein$elne üRenf<$ für fu$, ifolirt, nie^t wie 
er fein unb leben j»U im 5)ienft einer fittlic^en 3bee, 
ober im 3uf<munenfyange fcer ©emeinfäaft mit ber 
«Ration, bem Staat, ber .ffirc&e. Sieben bem eblen 
menf^enfreunbUcfjen 3bealiften ^eftalojji fte^t auf 
biefem ©ebiet gleich au<fc eine Öaricatur beljelben 
Strebenl, 33afebcw unb feine ©enoffen. 3e armer 


- 21 - 

unb enger bie ©irfti^feit, befto jcbranfenlofer bie 
Traume unb $b<orien. 

allgemeiner befannt ift bie gleite ©ntwicfelung 
unserer Literatur, bie babur<h eine merfwürbige ©er« 
f<hiebenbeit non ber clafjtuhen SiteTaturperiobe ($ng- 
lanb« unb ftranfreich« fat. 91ic^t auf nationaler 
©runblage baute fte an, fonbern auf bem Slltertbum 
unb auf bem ftremblanbifäen, befonber« bem gran- 
jöfifcben; gewifj gu einer ©ereidjerung be« beutln 
©eifte«, aber jugleicb $u einer Schwächung feine« 
©runbcbarafterä unb $um Staben feine« nationalen 
unb fir<bli<$en £eben«. 3cb tann e« nicht auäfübren, 
txue bie (Srfenntnij? biefer Abirrung eorbereitet würbe 
nach ber einen (Seite fc^on burcb fMftng unb ©ctbe, 
ebenfo burcb Älepftocf, felbft einem £erolb tünbenber 
Sbeale: eine tiefer gebenbe SSirfung nach ber fitt- 
licken (Seite übten fte nicht. SDer 3beali«mu« würbe 
noch mehr burd) fte ein Surrogat für ernften reli» 
giöien ?eben«gebalt. SÖelcb ein Äbmüben $. ©. auch 
bet bein $bil°fobb<n 3acobi, fefteren ©oben |u ge¬ 
winnen. ©er feinen ©olbemar unb Slüwil fennt, 
wei$, bafj e« bennoeb bei einem ©au in bie ?uft 
blieb. fDiefe $>arftedungen etbabener Seelenjufiänbe 
machen uofl # aber nicht fatt; unb bei aller ibealen 



Roheit bricht bo<f bie tiefe ©ebürftigfeit beß fi<& 
felbft überlaffenen S)lenf<fenher$enß überall ferner, 
unb ber Büßgang ift in d^at^loftgfrit unb ungelcfte 
Siffonanj. 

©on feiner ©eite ging aber eine tiefere unb »er* 
breitetere Ginwirfung auf bte ©orftellungen uen 2e* 
benßibealitüt auß, inßbefonbere arnf bei ber beutfifen 
Sugenb, alß »on ©(filier. ©ei ihm werben aüejeit 
23iele ben willfonimenften Äußbrutf ber ftreube unb 
beß (Sntjücfenß an ihren 3bealen, fomie beß ©djmerjeß 
über bie (Snttaufifung finbeu, unb er felbft wirb im 
Slnbenfen ber Station wie eine ibeale ©efialt fort¬ 
ieben ; benn er ift fic^ barin »oflfemmen gleid> ge* 
blieben, ©ein unb ©otfe’ß .fceroortreten hatte »iel 
Slefnliifeß. Ser eine begann mit ben Staubern, ber 
anbere mit bem Server: in beiben Stiftungen ber* 
felbe ©türm unb Srang mit bem ©orfanbenen $u 
breefen unb baß ©efef reiner Staturwafrfeit alß ein¬ 
zige Sterin aufjuritften; aber bei (9ßt$e fam eß halb 
$u bem beruhigten Triebe, bie objeetioe SBirfliiffeit 
beß Statur* unb SJtenfifenlebenß in ihrem pcetififen 
©efalt barjuftetlen. 

©ifillet wollte in entgegengefefter Stiftung auß 
einer höheren ©phäre bie ^oefie h^nieberleiten in 


23 


ba« bebürftige 9Ren(cbenbafein. 53ei tym folgte auf 
bie ftürmif<be Schwärmerei be« Jünglinge in ben 
erften Dramen, bie eblere im Don Garlo«: ber $lan 
für bie ©lücffeligfeit bet 5Belt ift fertig; aber „ba« 
3abrbunbert ift meinem 3beal nid^t reif, 3<b lebe 
ein öürger berer, welche fcmmcn »erben. - 2öie ftreng 
bat Schiller felbft in fpäteren Sauren über bie er* 
träumten $Teityeitäibeale feiner Sugenb gerietet! — 
Dann feine reiche, fcbwungoofle Bprif, 5öorte be« 
2Babn« »ie be« (glauben«. 3b m felber ftanb oon 
feinen ®ebi<bten lange feine« höher all „Da« 3beal 
unb ba« Beben - : „2BoUt ihr bo$ auf ftlügeln fc&we* 
ben, SBerft bie Hngft be« Srbifcben t>on euch; Bliebet 
au« bem engen Beben 3n be« Sbeale« fReicb- - G« 
ift ba« fReicb ber Schönheit, bur<b ba« er $ur SBabr* 
beit ju gelangen b*>fft, ba« JReicb, ba« „au«geftofjen 
jeben 3eugen menftblicber Sebürftigfeit. - 8ber fibon 
im näcbften 3abre: „bie Sbeale pnb verronnen, Die 
einft ba« trunfne $erj gefcbwellt, — Der rauben 
SSirflicbfeit $um IRaube 5Öa« einft fo f<bon unb 
göttlich war". ©leicbwobl »urbe bei ibm bie Iprifc^e 
3bealität burcb bie barauf folgenbe p^Uofop^ifc^e nur 
befräftigt; fie führte ju einem »oflftänbigen Spftem 
5ftbeiif<ber Grjiebung. Uber bei ber erfannten Un» 


24 


mügli<$feit, bi« 3beale in ba0 8eb«n «injufü^ren, 
ge$t «0 benno<$ aus in ben 3cn b«r JRejtgnatien, 
für bi« baS fo übertriebene (3ebi4>t «in«n erf<$ütteru* 
b«n 9(u0brucf $at. 

Gin anb«r«r unb total oertiebener üReprüjentant 
b«0 baraaligen ibealiftif<$en C^eifteSlebenS in £entf$# 
(anb ift 3«<»n f)aul. Gr flüchtet ficf> aus b«r burf« 
tigen Wirfltfeit in fein« inn«r« Welt, wo immerfort 
tmerjlicfc«, feinfühlige, iumoriftifh« unb ibpÜifh- 
b«fri«bigt« Stimmungen mit einanb«r wehfein, unb 
in allem was «r peetifd? gefhaffen, fih wieberfpiegeln. 
Gr b«f«nnt «8 felbft: „3h fonnte ni« me$r a(0 br«i 
Wege au0funbfc^aft«n glüdlih $u w«rb«n: b«r erfte, 
b«r in bi« #üie ge$t, ift, fow«it über ba0 ©ewölf 
b«0 8«ben0 iinauSjubringen, bag man bi« ganje 
äußere Welt mit tyren Wolfsgruben, Jöeiniäufern 
unb ©ewitterableitern bon weitem unter feinen $ü§en 
nur wi« ein eingefhrumufteS Äinbergürthtn liegen 
fie$t. 2)«r jweite ift, gerabe ierabjufallen in0 ©ärt» 
h«n, unb ba fih fo einieimifh in «in« §ur$e ein« 
juniften, bafj, wenn man au0 feinem warmen Serben* 
u«fte ierauSfieit, man ebenfalls feine Wolfsgruben, 
83einl>aufer unb Stangen, fonbern nur Herren er* 
blidt, beren jeb« für ben 9teft»ogel ein Saum unb 


25 


ein Sonnen- unb *Regenf<hirm ift. Der britte enblich, 
ben ich für ben f^merften unb flügften halte, ift ber r 
mit ben beiben anbeTen gu wechfeln.* — Von Ver- 
Innung unb Triebe ift ba nicht« gu finben, unb fein 
SRenfch bat bieö auch bei ihm gefunben. ©r c^arafte* 
rifirt ji<h ganj in ber fentimentalen £u«rufung ira 
$>e«peru«: „Der SRenfth hat $ier 2Y» Minute, eine 
gum öächeln, eine gum Seufgen, unb eine halbe gum 
Sieben; benn mitten in biefer ÜRinute ftirbt er." 

Ober haben bann bie IRomantifer tiefer unb 
nachhaltiger auf eine Läuterung unb Stcirfung be« 
ibealen öeben« ber Elation eingewirft? Such fie finb 
oorübergeichteebt wie ein wunberbare«, tiefgebachte« 
Vilb. Sie wollten ber Dinge Söerth unb Söffen nur 
nach ih rera poetifchen ©ebalt fc^a^en, unb fanben 
beffen oollauf im Volf unb in ber ©reichte ber Vor- 
geit. 9lber jo, abgewanbt oom ©egenwärtigen, lebten 
fte in ferner Vergangenheit, unb über bie SÖirflUhfeit 
liebten fte e« fich butch bie ©ebilbe einer ibealen 
^hantafiewelt gu tauften. So mugte bie Sehnjucht 
nach Mauen Vlume unbefriebigt bleiben, unb ba« 
(Slement ihrer SÖeltanfchauung tourbe barüber gut 
Sronie, bie auf ba« fruchtlofe Vemühen ber im 
Öeben eine ©eftalt gu gewinnen, lächelnb hrrnieberblicft. 


26 


2)a half tcm beutfchen ©elfe feine tiefe $>emü- 
thigung im Anfänge biefe« Sahrhunbert« $u einer 
0elbfterfenntnijj; unb nacbbem noch bie 3eit ber ©e- 
freiung«friege ein geuer ber ©egeifterung für h°h< 
unb ^errliAe Sbeale bei Sünglingen unb Männern 
unb burch ba« ganje beutf$e ©olf hin angefacht, be¬ 
ginnt bann eine fHeaction, mit ber beutlichen Abficht, 
allen unpraftifc^en 3beali«mu« lo« $u »erben, unb 
ba« ©ij$Derhaltni§ gmifc^en ber ©ilbung unb ben Auf¬ 
gaben ber ©irflidjfeit au«$ugleic&en. £»amit ftnb »ir 
freilich bereit« auf bem beften ©ege, in« anbere ®r- 
trem $u gerätsen. 

©ir finb fchon arm unb unprobuctiu geworben 
in f)lii(ofop^ie unb $cefie. Am Anfang be« torigen 
Safjthunbert« fte|»t ber ^^ilofop^ Seibni) mit bem 
0ptimi«mu« feiner 2l>eobicee, baft biefe ©eit gut 
unb ein ©erf göttlicher ©ei«heit fei; unb noch im 
3 »eiten fDecennium biefe« Sahrhunbert« trug bie ibea- 
liftifcfce ©eltauffaffung gichte’« Diel $u bem allge¬ 
meinen Auffchwunge ber ©emüther bei. 3efct macht, 
»ie e« f<heint, feine hhitof®rt*f<h« Sehre fo Diel praf- 
tifihe (Eroberungen gerabe auch bei jüngeren Männern 
aller <5t5nbe al« bie (Schopenhauer«, mit ihrem $efjt- 
rai«mu«, b. h- ber Leugnung alle« 3bealen. 8ie fängt 


27 


cm Reh »ie ein bunfler (Statten auf ba« beutfche ©e« 
müth«Ieben $u legen, bie troftlofe £ehre, bafe bie« 
?eben ein fortgefefcter betrug, baf* e« alle Hoffnungen 
täufcbe, nur gebe, um ju nehmen, unb bah nicht« 
barin unter« (Streben« unb Gingen« merth fei. (39 
fofl nicht mehr mabr fein, baß jeber (^ingelne mie bie 
SBölfer einen hoppelten üharafter haben, einen bet 
Statur unb einen ber 33erbeifcung, worin ba« 3eitli<h* 
ftcb mit bem Ewigen oerbinbet; fonbern im Die«* 
feit« wirb e« alle« abgethan unb erfchöpft. 

Gin realiftifchcr 3ug geht burch bie ganje 3*it; 
auch bie tfunft folgt ihm nie millenlc«, unb verliert 
be«halb mehr unb mehr ihre erhebenbe Äraft über 
bie ©emüther. Den äfthetifchen 3beali«mu« al« ein 
©emeingefuhl ber Station haben mir hinter un«. Diefe 
(Sonne marmt nicht mehr; unb faum begreift man 
heute noch, bah 3<an $>aul bie ©eifter einft entwürfen 
fonnte. Der SReaIi«mu«, »on ben ungeheueren Erfol¬ 
gen ber Staturmiffenfchaften getragen, bringt unmi* 
berftehlich auch in bie 33ilbung be« nieberen 33olfe« 
ein, unb langt nur $u halb beim 3Jtateriali«mufl an, 
mo ber ©laube an ein geiftige« unb h^h^eö Sieben, 
ba« bie ©eit aller Erscheinungen tragt unb im 3n* 
nerften juiammenhält, aufhört. 


3ft aber barum »eil ba« Seben armer an ben 
3bealen geworben ift, bie ba« ©lücf tmb ben fReich* 
t^um früherer 3«ten au«machten, alle« 3beale au« 
ber ffielt unb au« bem £erjen oerfcfcwunfcen ? So ift 
e« nicht; auch ba« öffentliche Sehen ift nicht entleert 
baoon. Denn bünft e« Manchen eine Suft, jefct $u 
leben, fo ift e« nur barum. »eil fie im ©eift au« ber 
©ährung, inmitten beren mir un« noch befinben, bie 
hehre ©eftalt eine« grofeen, in fich einigen unb ba- 
burch mächtigen beutfchen ©öterlanbe« emporfteigen 
feh«n. 

Äber wäre auch ba« allgemeine Sehen noch är¬ 
mer, ba« persönliche behält fein unruhige« ©erlangen, 
ba« in SBünfchen unb ©orfteflungen ocn ©lücf unb 
©efriebigung nicht aufhört, 3beale ju erjeugen. 3öie 
reich ift bie« ©orfteflung«leben »on bem, wa« fein 
fönnte unb fein feilte um un«, in un«, für un«! Denn 
wahrenb bie egoiftifc^en Naturen nur für fi<h i^unfehe 
hegen, fehen bie Slnberen ihr ©lücf nur in bem »ofl- 
fommneren 3«ftanbe eine« engeren ober weiteren Se* 
ben«freife«, bem fie angehören. 

Da fdjwebt fOlandjem ein allgemeiner griebe oor, 
ber bie ©ölfer ber Sorge überhebt, wie fie am beften 
für ben Ärieg gerüftet ftnb; ober ba« 3beal ren einem 


29 


Staat, einem Semeinwefen, wo 3«ber baS ©eine hat 
unb t$ut, wo unter einem geliebten Oberhaupt ein 
neiblofet ©etteifer in freiet ©elbftoerwaltung unb in 
Nötigem Semeinfinn alle ©tänbe »erbinbet; wo alle 
bie, benen ein $h*il ber Leitung beS Sangen an»er* 
traut ift, auf ber $5h e ihrer Serufs fielen, wo alle 
Är&fte beS ©taatsregiments ftt^ ergängenb ineinanber¬ 
greifen; wo ein »on lebenbigem 9tationalbewujjtfein 
getragenes 3$olfSleben, burtfcbrungen »on $riftli<bem 
Seift, in fi<h baS Sefefc ber Dtbnung unb guter 
©itte ^egt; wo bie Äir^e felbft einen wahrhaft prie» 
fterlichen, in ber Siebe gum £Grtn unb in ber $3ru* 
berliebe geeinigten ©tanb ber Seitlichen gu Eutern 
beS #eiligthum$ h fl t. Ober im $)ri»atleben baS 3beal 
einer Gh* f als wahrhafter ©eelen^armonie, unb eines 
garailtenlebenS, wo SBater unb SOiutter im 'Blittelpunet 
beS Sangen, beffen Obern ber Seift beS Goange- 
liumS ift, ihres G^renftanbeS froh werben; wo bie 
&inberjc$aar, ein frS^licb aufftrebenber Nachwuchs, an 
Seib unb ©eele gebeizt, jebeS in feiner Art, unbe¬ 
rührt »om ÜJlehlthau beS böfen ©eifpielS; wo alle 
Slieber, auch bie Dienftboten, in treuer Anhänglich- 
feit unb Ginem ©inn gufammengebalten werben; bann 
im engen 39unbe mit ber gamilie eine ©chule, wo 



30 


Einficht unb Siebe »erbunben ftnb, febem ©dummen 
feinen eigenen 2Bu$6 unb ©lüthe gu bewahren. Dber 
und »erlangt nach einem unfere eigenen Ärafte erh»* 
henben Eemeinfchaftdleben, nach bet eblen Öefelligfeit, 
bie bet fleinen Mittel ber 3«ft«uung unb bed 3eit- 
»ertreibend nic^t bebarf; mir wünfchen nur mit 3Ren* 
jcben gu »erfehren, bie ft<h im Dieben unb 2b un nicht 
burcb egoiftifcbe 3®e<fe, fonbern nur burcb ÜBahrhrit 
unb Siebe beftimmen laffen. Unb wie mir und rco^l 
mit bob<n ©orftellungen tragen »on einem ^errlic^e 
grumte »erhet&enben Sugenbalter, »on tlarer, ftyerer, 
eutftbloffener DRannedfraft, »on ber rubigen DRilbe 
bed Stlterd, fo wirb bie ©orftellung leicht gum SÖunfch 

I • 

für und felbft, einer leiblichen unb geiftigen ©efunb* 
heit gu genießen, bei ber mir in regem <3piel aller 
unterer Äräfte, in föniglicher $errfchaft über und 
felbft, frei »on ber ©erleßlichfeit ber Eigenliebe unb 
allen anberen Hemmungen ber IHrt, ©uted gu fcbaffcn 
unb bem Seben einen reichen Inhalt gu geben »er* 
mögen; und verlangt nach «in*»*» fruchtbaren, nicht 
2>otnen unb IDifteln tragenben gelbe, wo mir bie 
und »erliehenen Eaben brauchen fönnen gu ©otted 
Eh« «nb bed Dtächften Dtufcen: ed ift bie ©orftellung 
»on einer glücflich audgeftatteten f)erfönlichfeit, bie 


31 


bur<$ i$r ©ein, i$r Äönnen, ©iffen unb $$un reitfc 
ift im ©eben unb Gmpfangen; fä^ig unb ftycr, ©er» 
trauen, Siebe unb greuubfäaft gu gewinnen unb 
ju erhalten, unb fo unberührt $u bleiben »cn bet 
©orge »or einem nufclofen, in ji$ unbefriebigtem Se¬ 
hen unb einem traurigen, oereinjamten Älter. 

Ded? rncju ncä) rae$r? Die s j)lanni(bfaltigfeit 
ift unenbli<$, unb ebcnfo bie SRelatioität in Ärt unb 
©rab, je na^bem ein 3eber fteljt, innerlich unb äußer¬ 
lich 3e bunfler bet £tntergrunb, befto ftärfer ber 
Gentraft, wie ber SReifenbe 9Jiungo $arf in ber bren- 
nenben ©ufte, immer non ben lieblichen waffetreit^en 
Scalern feiner fceiraat träumte. — Die ÜBeifpiele 
genügen, bie Gmpfinbung beß f^arfen ©egenjaßeß 
$er»orjubringen, welken bie föütffefcr in bie Sirf- 
licfcfeit auß ber ÜRegion ibealer 2öünf<$e mit fi<$ führt. 
Gine Gnttäuf(£ung folgt ber anbern. 

©ie weit bleiben bie t^atfac^lic^en 3nftanbe beß 
©taatß hinter feiner 3bee unb hinter ben utopijd?en 
3bealen gurütf; unb ebenfo bie ber ($riftli<$en ©e- 
meinf<$a*t: ein auß bem £eibentt>um ibefeljrter fam 
na$ Guropa; baß Sanb ber G^riften woüte er je^en, 

in bem baß @efe& i^reß £errn unb SWeifterß bie 

• 

9U<^tf^nur für aHeß, wo 3eber ftreng gegen fl<h unb 



32 


»oll 2iebe gegen ben Warften, wo in @ere<$tigfeit 
unb Stiebe SDe wie örüber mit einanber lebten. 
6c lieg tyn bie Seme hoffen, ©aß er in ber 9iä$e 
fa$, erfüllte tyn mit ©ntfe&en, unb er eilte in feine 
wilbe Heimat $urücf. — Unb wie 2Ranc$er $at fo 
wo er ben großen Aufgaben beß öffentlichen hebend ge¬ 
genüber männliche, ^ingebungdfä^ige Gharaftere ju 
finben hoffte, ein fleineß, egoiftifcheß ©efchlecfct ge¬ 
troffen, unfähig bie 3eit ju begreifen, unb ofyne ÜHuth 
unb tfraft i$ren Sorberungen geregt ju werben. 

Gbenfo im eigenen 8eben, »ot allem in bem ber 
Sugenb: fü$n unb ungeftüm fc^wingt fte ficb über bie 
äußeren 6chranfen bcß 6tanbeß unb anberer $>emra- 
niffe hinweg unb umgiebt ftch mit $crr(i$en ©ebil- 
ben ber 93orfteUung, — unb julefjt ftnft’ß meift wiebet 
in Srümmer. ,,3« ben Dcean fc^ijft mit taufenb 
üHaften ber Jüngling; 6tiH auf gerettetem 39oot 
treibt in ben f)afen ber ©reiß*. ©ie leine Sahreß- 
geit, ber Stü^ling, ber 6ommer nic^t fo »erläuft, wie 
eß in i^rem^&egriff ju liegen fc^eint unb wie wir eß 
wünfäen: nein bie Äälte im Stü^ling tübtet bie ©lü¬ 
tten, baß ©etter jerfcfclägt bie 6aaten — r fo entgie^t 
fic$ baß 8eben unferer ^Berechnung: bie ©eit ift aller 
6<hmer$en unb eineß namenlofen Glenbß »oll; unb 



wo ftch ein erfehnte« ©lücf ju toertctrflic^en angefan* 
gen hat, wie oft unb halb ftürjt alle« wiebcr jnfam* 
tuen, unb auf jebe ©rfüüung fallt tanger 3®eifel unb 
ber $cbe«f(hatten ber Gnblt^feit: „3nuner noch er¬ 
greift mich wieber 8orge ber IBergänglichfeit, Srbifth 
hoffen, irbifcb £eib —*, ein »ergeblicbeß Gingen über* 
aö. ü)ie feligen £öh* n ber Nuhe unb SSoflenbung 
unb eine« ungetrübten fronen öenuffe« menfchltchen 
iDafein« (feinen unerreichbar; unb wie bie 8aft ber 
£eiblichfeit fo oft bie Schwingen be« ©eiftefl lahmt, 
fo lä$t eö überhaupt bie Ntacht unb ber üDrucf be« 
Natürlichen unb Nealen jum 3bealen nicht fcmmen. 

(5twa« hie»on erlebt 3eber früher ober fpater; 
deinem wirb bie Erfahrung ber Nichtigfeit feiner 
Hoffnungen gan$ erfpart. Unb wa« ift bie Söirfung? 

5)en 3beali«mu« ber 3ugenb »erlebt fe^r halb 
bie Tauhe SSßirfl ich feit wir ber rücfftcht«lofe Neali«mu« 
be« reiferen fUtnf. 2)ie folgen baoon finb oft »er* 
hängnifjtoU für bie ganje 3ufunft be« Nlcnfchen. 
8Bie oft wieberholt fuh’« hoch, bajj ein junge« Öeben 
in ba« Ntorgenroth feine« Grbentag« hinau«blicft, trfl 
froher Slhuung, wo« er bringen werbe: Hoffnungen 
unb fHäne werben ein »oder Strau§ »on Blumen; 
unb wie lange wahrt’«, fo finb jie »erwelft in ber 


34 


£anb. 2)ie 3ahre »ergehen , feine ber Hoffnungen 
erfüllt ft<H; baß geträumte ©lücf beß Sein« unb 
©erben« unb beß ©efifceß bleibt au«; unb nun lagert 
fich über bie Seele ein 2)unfel beß ÜDUfjmuthß unb 
©erjagenß; bie 8aft beß unbegriffenen 8ebenß ^emmt 
aßen freien Hufjchwung. f$ür ©iele ift'fi mit bem 
3beal f baß fie für ihr 8eben gehegt, n>ie mit einer 
uuglücflichen 8iebe: eß bleibt nur bie ©itterfeit ber 
SReftgnation, bie auch bie Siebeßfähigfeit »erjehrt, bie 
troftloje Stimmung, in ber Spider außrufen fonnte: 
„ÄUe meine greuben ^ab bir gepachtet — ich 
toerfe ntl$ oor beinen fRi^tert^rcn - empfange mei¬ 
nen ©oümachtßbrief $um ©lüefe - ich bring i^n un¬ 
erbrochen bir jurüefe — ich n?ei§ nicht« non ©lücf- 
feligfeit. * Sehnlich machte fich ber ©eltfchmerj 8orb 
©pren’ß 8uft. — 2öaß anbeteß lieft man anf fo man¬ 
chem &ntlip, alß ben Schmer j biejer Säufchung, bie 
Äranfheit am 8eben, baß nur getragen toirb wie ein 
©erhangnifj? 

Sofl’ß fo fein, ift’ß fo recht? 8ebt hoch jebeß an- 
bere ®ef<hßpf in Uebereinftimmung mit ft<h felbft unb 
erfüllt, in fich befriebigt, feinen Sebenßfreiß: märe 
ber SKenfch ber einige SHijjtcn in ber Harmonie 
biefer 5Belt? — 



35 


SBie im Verhalten $u ben 3bealen überhaupt, fo 
fpielt auch bei biefen ©irfungen bcr (Snttänfchung 
über fte, Temperament unb Lebenserfahrung eine 
gro&e SRolIe. ÜHan fcnnte banon eine ebenfo mannig¬ 
faltige wie ergc^lic^e 9teihe non (S^arafterbilbern 
jei^nen. 

3n bem grünenben Älter, ba$ ein unneräufjerlicheS 
ÜKec^t ,ju fiaben meint, bie SGßelt nach feinen Skalen 
ju meffen, bas in großem ©tü für ftc$ unb bie un- 
noUfcminenen 3«ftanbe um fleh h tr ibeale $läne ent* 
wirft, wo gegenüber ben abgelebten Älten, ben f)^i- 
liftern, bie 3ug<nb allein baS rechte, jur Seltner» 
befferung beftimmte 3Srael ift, ba gedieht eß nicht 
feiten, wie man auf Uninerfttäten erlebt, bafe bie 
3ünglinge, wenn ftc bie .Jnnberniffe ber garten 38irf» 
licljieit emnfinben, ohne Qsrfenntnifj ber 3nrt^ümer 
i^red fugentlicben 3bealiSrauS ins ©egentheil Um¬ 
fragen, unb wie aus Trofc $u einem GpniSmuS 
übergehen, ber (ich non allem Skalen abwenbet. Sie 
oft oerftnfen fie nach Urgent Traum höherer Lebens¬ 
ziele unwieberbringlich in bie niebrigfte $>roja ge» 
meiner LebenSbefchränftheit, fc« faum eine »on 
bem rafch nerlobcrten geuer jurücfbleibt. ©ie ner» 
mehren bie grofee 3«hl *erer, bie non einem ewig 


- 36 - 

Satyreu unb ©uten ni^t® t^oren wollen unb nur an 
ba® glauben, wa® greifbar ba unb nüfcltifc ift. 3»i* 
fc^en folgen ira Äreife be« gcn>obnbeit®mä§igen S^un« 
unb ©enteren« batyinlebenben ÜRenf<ben fpielt eine nadj 
{»oberem »erlangenbe unb nocty eine @uft ber ftreiljeit 
at^menbe Seele oft eine »unberlic^e $igur: fte fennen 
einanber ni<bt oerfte^en unb ni$t geregt werben; bera 
bornirten 9iü$lid?feit0finn mujj ba® flnbere tute un« 
praFtif<$e Jräumerei erföeinen. 

3u ben fragen Fernmen bie ftill reftgnirten Seelen, 
bie Hoffnung® lofen unb Äleinmüt^igen. Sie »erlieren 
ben ölauben an bie 3beale nic^t; aber fte geben e« 
auf, unb trauen fi<$ nicfyt bie Äraft $u, eine ©er« 
raittlung berjelben mit ber Sirflidjfeit ju ftnben; e® 
ift fo, wie wenn Giner etwa liebet gar ni<$t ^ei* 
ratzet, wenn er fein 3beal ber (S^e oerwirf litten $u 
fonnen nicfjt hoffen barf. Sie tragen ba® ©efü$l 
eine® oerfe^lten geben® mit fi<&, unb ttyun eben i^re 
Scfyulbigfeit, fo lange fie fönnen unb muffen. Hnbere 
(pinnen ft($ in bie Seit ifcrer ©orfteÜungen bermajjen 
ein, bajj barau® eine unb frantyafte Sdjeu 

tor ber Sirfli^Feit wirb, »on ber fte immer fürsten 
in i^ren glücflufcften unb liebften Grapfinbungen »eT- 
le^t $u werben: „(Sin Sa^n, ber mi<$ beglücft, ift 


37 


fine 9$a$rfyeit mertlj, bte mt<$ $u ©oben brücft. - ©in 
fixere# ÄennjeiCen fallet S^caU ifl immer au<$ 
biefe Sentimentalität, bie ©mppnbfamfeit, bie bo$ 
fein .£>er$ $at. 

Sluf bem Stanbpunct ber 9tepgnatien ift bie gorm 
beö #umor« immer noC bie erträgliche, wo ber 
SCmetj ber (Sntfagung gemifCt ip wit ber $reube 
an bem Spiel be« £ereinleud?ten« unb PC immer 
SBieberaufbebenfl ber 3bee. Slber üiel ^äupger fc^jreitet 
bte JKefignation fort bi* $u ber ^oljnlaCenben 33er- 
$weipung, bie nur im Unglauben einen $roft fudbt, 
unb ba enbet, wo e* Reifet: „Raffet unö effett unb trin- 
fen; benn morgen pnb mir tobt! - 

£a« pnb 3uftänbe, bie ©ott nitbt gemoUt faben 
fann, unb bie nur baljer rühren, baf; wir felbft feine 
^errlicbften ©aben in Uebel oerfe^ren. 3beale, bie 
unö, ober burd) bie wir Slnbere, mit benen mir ju 
leben haben, unglütfiicb maCen, finb gewifc ni<$t bie 
red>ten. So^anne* f<$lie§t feine erfte ©piftel mit ber 
SEBarnung, fein #erj an Ürugbilber ju Rängen: „meine 
Äinber, hütet eutp ödt Sbolen! - 

3Me St^ulb folCer 33erirrungen liegt oft in reifer 
$?6antapebegabung f ber e« an 3u<bt gefehlt h«t. 2Bie 


38 


gefährlich ift gerabe beim weiblichen ©ejcblecbt bie 
©ejchaftigfeit einet müßigen ^^antafie! (Sine, bie 
gut ©rfenntniß bauen gelangt war, Flagte: mit wirb 
bange, wenn ich ba« ftlügelraujcben bet ^>^antafie 
übet mit uernehme; benn meine ©ebanfen (teilen 
mir niemal« bei wiber meine ©efühle, unb nur ju 
oft fcabe ich für ©otte« Stimme genommen, wa« 
nur Frucht meiner (Sinbilbung war. Sollte Seelen 
haben ihre gteube baran, ftch au« bem niebern j$la<h* 
lanbe wie mit 3!atu«flügeln in h*h erf Legionen auf* 
gufchwingen. Sie »erfennen leicht ben SBerth beffen, 
n?a« fie in bet 58ir!lid)Feit umgiebt, unb lernen bie 
©ebingungen nicht verfielen, barin jufrieben ju leben. 
3n ihrer ©efühl«i<htoä<he »erfchmähen fie ba« ©ute, 
ba« nabe liegt unb ba« jebet Jag bringt, unb fließen 
e« uor, ein erträumte« ©lücf $u genießen, wobei, wie 
wir un« ja im träumen immer paffiw »erhalten, bie 
Äraft ihre« Sßiflen« unb 2h un * unberührt bleibt. 
(Sine ferne, nebelhafte Realität gilt ihnen mehr al« 
ba« erreichbare 9tä<hfte. 

3<h erinnere mich «fort jungen Wanne«, mit bem 
i<h auf einer Steife |ufammentraf, unb ber in einer 
folgen thörichten 3agb nach einem Hbfolnten begriffen 
war. (Sr hatte Steffen« „3$ier Worweger" gelefen, unb 



39 


eß ftanb bei itym ff ft: nur in bet ©$« mit einem 
nenoegif^en 5Räb<$en fannft bu glürflitb »erben. 
ÜDer ftußgang feiner ©ntbetfungßreife gehört fo »oUig 
bem ©ebiet beß ftoraiföen an, bafe i(fc i$n $ier mit- 
jut^filen nti(^» enthalten mujj. 

2>o$ aüeß baß, maß wie im Äinbeßalter bei ge* 
Saftiger $ljantafie burcf» ben Äopf fliegt: baß mß<$- 
ttft bu fein, baß mäc^teft bu §aben, flüchtige blofjc 
$)bantafifgebilbf, fcnnen mir Feifeite laffen; eß 
fin* 3teale, bie gaufelnb in ber guft f^weben, unb 
benen wie ben profaiföen Sbealen ber 6elbftfnc$t 
feine 3bee $um ©runbe liegt. Slber warum $aben 
aud) bie reineren unb bie fefteren ©eftalten, 3beale 
auß beftimmten 3been erwachen, fo oft Weber 33eftanb 
no$ gructyt? fDlan fann bo$ nic^ft fagen, bajj j. 33. 
bie Sbeale, für welche man im »origen 3a$r$unbert 
fo allgemein ft<$ erwärmte unb föwärmte, ibeenloß 
gewefen wären. (5ß galt ja, bem geben ©e$alt unb 
28ürbe ju geben, eß tyarmonifö ju geftalten. 31ber 
ber 3rrt^um war, bieß einfeitig auf äft^etijc^em 
©ege $u erftreben, mit ba$er entnommenen Mitteln 
bie 2)iffonanjen beß irbifc^en 3)afeinß in reine 
Älänge auflofen §u wollen, unb fi$ babei in fab* 
jectioer ©elbftbefriebigung bon ben großen allge* 


40 


»«inen 3ntereffen, benen ju bienen wir berufen flnb, 
unfc non ben concreten gorberungen be« gegenwärti¬ 
gen gebend abjufetyren. (5« war alfo ein Vergreifen 
in ben Mitteln nnb eine oerberbli^e glui$t unb 3fo» 
lirung. 

So wirb e« überall fein. ©aljrtyafte 3beale wer¬ 
ben wir nur ba finben, wo ein 9Jlenfcb barin niefy 
eine fubjectiüe ©enugtyuung fn<$t, ni<$t lebigl# 
feine ^erfcnli^en ^tnfi^ten unb ©ünfdje oerwirflidjen 
wiÜ, unbefümmert, wie fte fl<$ $u ben ©ebanfen 
©ctte« vergalten, aus benen allein bie unjtigen 
©abr^eit, Äraft unb ?eben empfangen fönnen. Äuf 
biefen 3ufammenbang unb bie in iljm begrünbete ob- 
jectioe 9totfymenbigfeit ber $ 0 $en 3i«I^ fomtnt alle« 
an. 2>ie ©rafin Stoflberg fagte treffenb non Spider: 
„6r trägt bie 3Renf<$teit wie eine fc^öne Vlume in 
ber $anb, aber ba« ©efäfe mit ber nä^renben ©rbe 
barunter fe^lt." «Darum oermag er au<$ feinen wirf, 
famen Srcft $u finben. ©a« empfiehlt er att Val» 
ftnt für ein $er$, bem feine 3beale verronnen? 
„33ejd>aftigung, bie nie ermattet" — unb ni<$t anber« 
lagt öötlje feinen gauft unb feinen IBü^elm Weiftet 
guc fRu^e fcrnmen, al« burcb ernfte Vefc^aftigung für 
gute bürgerli^e 3®*<f«- 8Wan raufe gefielen, e« ift, 


41 


auch nach ber ©ahl be« Äu«brucf« „Befchäftigung", 
wie ein $>au«mittel, ba« empfehlen tr»irb # unb ba- 
hinter ftebt bedj eine IRefignation, au« ber nimmer¬ 
mehr be« Seben« (Ruhe ober Äraft unb Schönheit 
erwachten fann. 

$iif bem Stanbpunft mujj ba« Wlücf ber 3beale 
fe^r gtoeifelbaft erfcheinen, unb bie Berjuchung nahe 
liegen gu glauben, bafe jchliefclich bie hoch beffer baran 
finb, bie ruhig ihte« ©ege« gehen, ohne fich bamit 
ju fdjaffrn $u machen, mögen e« nun nüchterne 93er- 
ftanbe«men(<hen (ein ober phlegmatische Naturen, ober 
auch (oldje, bie alle« höh* re Streben aufgegeben hüben, 
unb ba« aOe« nur für $irngefpinft unb C5-^imatrc 
halten. Äber fielen biefen wirflich nur folche gegen¬ 
über, bie in einer ©olfenregien mehlten wie Träumer, 
unb ben ©eg $urücf nicht finben fönnen; ober giebt 
e« eine gefunbe ÜJlitte jwifchen Don Quijrote unb 
Rancho ^anfa, jwijcben ibealiftifcher Schwärmerei 
unb bem berben 9teali«rau« ber gemeinen ©irflichfeiU 

(5« wirb wohl babei bleiben, bajj ber Slbel ber 
menfehlichen Statur bei Denen ju finben ift, bie in 
ber Siebe $u ibealen Seben«gütern glücflich finb, unb 
in bem Äampf bafür ihren Beruf gefunben tyiktn, 



42 


bie bei allem ©erfetylten unb Mißlungenen ni$t Per* 
jagt unb ni<bt mübe werben, ben geflügelten Seelen, 
bie bei bem nieberjießenben ÜJrucf ber irbif<$en 3>inge 
immer wieber ben belebenben 9tuf pernebmen: Sewing 
bi<$ auf in bie reinere Suft ber fco^e! 

3 u welken Mengen flauen wir mit ber grö߬ 
ten ©erebrung auf unb erinnern un$ ihrer mit nie 
erfterbenber 8 ietc? Sinb eö nicht bie, beren Seben 
barauf gerietet war, ^eilfame unb fruchtbare ©e* 
banfen, bie ihnen wie eine Miffion gegeben waren, 
in engeren ober • weiteren Greifen ju nerwirfli^en, 
bie mit ißrem ©eilen aOegeit gleichfam cor bem 
$$rcn einer 3 bee ftanben, Mengen, in benen bie 
Macht ber ©abrbeit unb ber ©ruft ber Siebe per* 
jönlicb geworben war unb ben ©runbton ihre« Sein« 
unb ü^un« auemac^te? ©er je ben ©inbruef folget 
^erfönlicpFeiten empfunben bat, Pergißt eö nicht, wie 
er felber baburch gehoben unb non ben Äräften einer 
unftchtbaren ©eit berührt würbe: mögen wir babei 
an dürften im Staatäregiment ober im 9tei<h be« 
©eifte« benfen, auch an foltfce, bie bei ißren ©eftre» 
bungen ben lüßmenben öfberftanb ber ftumpfen ©eit 
erfuhren, unb beren fte ntc^t wertb war. ©iele ftnb 
ba^in geftorben ohne ißre ale erfüllt 3 U feßen, unb 


43 


bennocb machten biefe ba« ©Iücf ihre« ?eben« au«; 
unb ihr 5^un war unoerleren; benn e« gehorchte ewi. 
gen ©efe^en, unb wie« prop$rtij$ auf eine bejfere 
3eit hin. Ober mögen mir and? in bie önge fleincrer 
2$erhältniffe Miefen, wo ^elbenmüt^ige Naturen, 9Rän» 
ner wie grauen, ©ebanfen ©otte« in einem aufopfern* 
ben Seben thätiger Siebe ju oerwirflichen flreben. Sir 
benfen an feiere 9Jlenf<hen, bie auch in bem Einerlei, 
ber Älltäglichfeit unb ber Unruhe ber fleinen Seben«* 
jweefe bie grofjen nie aus ben Äugen oerlieren; ba« 
3beale ruht in ihrem $er$en mit*ein in bie Jiefe 
gefenfter ©cha&, ber auch burch bie Sellenbewegung 
ber Oberfläche h*roorblin!t. 

Än biefer ©teile fßnnen wir nun nach bem, wa« 
bereit« barüber gefügt, jufammenfaffen, worauf im 
©egenfafc jurn fallen 3beali«mu« im fittlichen ©ebiet 
ber wahre beruht. 

33ei ^)erfönlid?feiten ber eben bezeichnten Ärt wer¬ 
ben wir immer finben, bafc ihr Seben eine innere (5in* 
heit hat, bajj aU ihr$hun oon einem feftenSJlittelpunct 
außgeht, burch ben ihr Denfen unb Sollen beftimmt 
wirb, unb bafj nicht bie beföranfte OTenfe^enfraft 
ober gewöhnliche menHfclicbe Berechnung oon ba au« 



44 


wirffam ift, ionbern bafi baß menfölitbe Mennigen 
mit ben Kräften einer (teeren ©eit in Serbinbung 
fte(>t, unb t>on ba ft<$ na^rt unb erfrifc^t. 

3öie fol$er tfebenßmittelpunct, folcbe innere Gin* 
$eit unb ©anjfceit, gewonnen wirb, fann bem Triften 
ni$t $weifelljait fein, ©a^re religiöfe Ginwirfung 
ift überhaupt nie etwa« 3folirteß, fonbem getyt immer 
auf bie ganje $rrffalt$feit beß ®ienf$en. 3m<5$riften* 
tljum tritt biefe Jenbenj am ftärfften Ijeroor. 3n. wem 
baß d?riftli(be Sewufjtfein $u oofler Älarfyeit fommt, 
bet erfennt, bafc i$m bieß £eben gegeben ift wie ein 
Stoff, ben er geftalten feil — ja, auc$ $u einem Äunft* 
werf. Seine 9tatur ift barauf angelegt: „jum Silbe 
©otteß f$uf er tyn*. Äber eß fann Äeiner ein wahrer 
Äünftler fein o^ne 3beal, unb wie bie Äunft auß. 
artet, wenn jte nur ftnnli^er Grgßfcung bient, unb 
feine fyßfyere 3&ee ;ur 9ni($auung bringt, fc fonnen 
autb im pttlic^en fceben waljrtyafte 3beale nur fein, 
bie am Gwigen unb ©$ttli$en t^eil^aben. (Den «Wen* 
fcben ift bieß für immer gegeben in 3*fu Gtyrifto, 
bem Äbglanj beß ©efenß ©otteß, bem leucfctenben, 
niemalß unterge^ienben Stern am Fimmel unferß See* 
lenlebenß. I>arum ift eß fein Sergangeneß: „fie f atyen 
feine^errlidjfeit*; eß ift ein ewig ©egenwärtigeß; autb 


45 


für un« ift ft« fi^tbar. ©r ift ba« 0 ilbung«ibeal für 
3 eben, ber in biefer Söelt geboren wirb: „ 2.0 5ütel« 
auf ifyn getauft finb, bie tyaben ityn angejogen*.— 
93on ber Haufe an foll bie* geben eine fortgeljenbe 
2 öiebergeburt unfer* natürlitben 9Jienidjen fein, $ur 
-Jjerftellung feine« 25ilbe* r „auf bafc jeher ein 9Äenf<$ 
®otte« werbe ju allem guten 5Berf gef$i(ft\ 

Die« ift ba« ber 'Jftenft^eit gegebene gcben*ge- 
fefo, wooen ber ’Precefj ber 2 Beltgcf$t$te unb jebe« 
Ginjelleben« abhängig ift. Die Ätmojp^äre, bie un« 
umgiebt, ift baljer »cn djriftlicben (Elementen erfüllt. 
Darin tann man leben, unb ba« ©runbprincip glei$« 
wobl ignoriren, »id? baoon abtefyren, gerätfy bann aber 
immer in« geere, 3Öillfürlic§e unb £ubjectioe, wie 
ba« an ibealen gegriffen , 3 . )B. bem ber Freiheit, 
lei$t nacfcgewiejen werben tbnnte. 

Die ftyilofop^en tonnen ba« JRe<bt nctliger S$or« 
au«jepung«lofigfrit in'Anjprudj nehmen, unb in Deutf<$* 
lanb finb i^nen bie Dieter gern gefolgt. >Sie tonnen 
babei glanjenbe unb ibeale ©ebilbe föajfen; aber bie 
3 been ^aben bann, wie wir gefefyen, teine lebenf^af* 
fenbe Äraft, unb tfnnen Weber Hroft gewahren beim 
3 erlaQ ber irbif<$en ^enrlicbfeit, no$ enthalten fie 
ein Gorrectin gegen egoiftiftfce unb p^antaftifc^e 33 er« 



46 


irrungen be« 3bealifimu«. Slber barin eben befte^t bie 
?>robe. Än ber ©iebergeburt in (5$rifto bargen $at 
6rfenntni§, ©ille unb aud? bie Styantajie 2$eil, unb 
<0 ift nicht eine beftimmte Dichtung allein, welche 
unjer« .Strafte baburc$ erhalten, fonbern e« ift eine 
ßrganjung, eine t^atjüdjlic^e Seben«mitt§eilung unb 
fortgetyenbe Berjüngung. -Da fetylt e« nidjt an $roft 
unb an Stärfung. $at ba« Gfyriftenttyum ba« Be- 
mufjtfein ber innern ©nt$»eiuug be« ÜRenjc^enleben« 
gefc^Ärft, jo $at e« auch bie 39HttcI gegeben, fte ju 
überwinben. — 0er $drt tyat e« felbft gejagt: »in 
ber ©eit $abt i$r Slngft: aber jeib getroft, 3<$ ^abe 
bie ©eit übermunben (So ift nun in golge ber 
8eben«gemeinj<$aft mit ßtyrifto Fimmel unb ©rbe fein 
abfolut Getrennte« meljr, unb nur auf bem glauben 
an biefc Bereinigung beruht alle« ibeale 2eben ber 
3DRenj$en. 9tur babureb, ba§ wir fc^on hier bie Äräfte 
ber jufünftigen ©eit jc^mecfen unb barau« Seben«» 
mutb unb greubigfeit jieben, bleiben mir baoor be* 
ma^rt, biefc Grrbe für ein 3«mmertl>al ju galten. 

Unjer tägliche« ©ebet (priemt biejelbe 3*öcrpc^t 
au«; „mie im Fimmel, aljo au<b auf ßrben". ©0 
ift bie erfte Bitte na$ ber, bafj ©otte« 9tei<b forame. 
0ie« jelige Oieicb be« gtieben« ift alfo nic^t fc^on 



47 


fertig »orhanben, fonbern ein werbenbeS, auch bur<h 
uns werbenbeS, wobei ber ©laube, ba§ es i(t, ein 
ewiges, aber für uns fchon hi« beginnenbeS Sein hat, 
o^ne weiteres »orauSgefefct wirb. Ciefer ©laube foU 
fi<h nicht irren laffen burch bie taufenb ©egenfafce, bie 
und fo leitet oerleben unb entmutigen: fie foQen »er* 
jb^nt werben; benn alles wahre Sehen beruht auf ber 
93erföh nun 3 fc^cinbar e r ©egenfäfee. Unb wie oft er* 
fennen wir fchon hi« bieje 33erfß^nung: baS ^tmm- 
Uf^e 9tei<h ift fein ewig jcnfeitigeS; wir bleiben nie^t 
mit OTofe auf bem 35erge 9tebo fte^en; aber eben fo 
wenig ein uöQig bieSjeitigeS: wir finb hi« auch nicht 
mit bem $6rrn auf Sabcr. Carum h«fren wir uns 
ebenfo »or ber reftgnirenben IBergagtheit ju hüten, wie 
»or bem ungebulbigen 3*eali*niug, ber fchon hi« He 
93erwirflichung beS ftöchften unb Jöeften ji<h ootlgiehen 
fehen will. 93en folgen fchwarmerifchen Sbealiften, 
bie baS ©efeb beS ruhigen SEBerbenS unb 2üachfenS 
nicht fennen, unb »on bem Unheil, baS fie ftiften, weifj 
bie Staaten* wie bie Äirchengejchichte bis in bie ©e* 
genwart herein gu ergäben. Cahin gehört ebenjowohl 
ein ConatuS ber alten 3«t, ber eS überfah, bafj bie 
Äirdje hirnieben nicht fchon ein Stanb ber ^eiligen, 
fonbern ber Heiligung ift, bahin bie Puritaner; unb 



wie (5romtt>efl, fo nicht minber bie ftanatifer, auch 
bi« «belfien, aU«t SRe»olutien«$eiten, bi« ihre Sehen«* 
ib«al« im Sturm ju Stanb unb ©efen bring«« wollten. 
Unb fern men nicht im ^rioatleben unzählbare Söei* 
fpicle b«rf«Ib«n Ung«bulb oor? 

Wot b«m anb«rn ßptrem, b«r »erjagenben, wiber* 
ftanb«lofen jHefignaticn, bewahrt man fich burch nichts 
beffer al« baburch, ba§ man in ©otteß tarnen felbft 
£anb anlegt. 3ft feben im gewöhnlichen Seben baö 
Sbun bi« b«ft« Schufcwehr gegen fleinlicb« fturcbi unb 
Sorge unb gegen alle ©rübelgejpenfter, |o befte^t 
gerabe im Reiche Wotte« fein Kornett be« bloßen 
©eniefcen«. 6# giebt recht unfruchtbare 9)loraliften- 
ibeale non erhabener Sugenb; ©orte, ©orte, blofje 
$^eoriengüter unb leere Allgemeinheiten. 9letn, wie 
ba« Seben bet 3been bebarf, um wahr ju jein, jo be* 
barf immer auch bie 3bee be« Seben«, um wirtlich 
$u »erben, unb ihre Äraft ju erproben. 9ti<ht im 
9luh«n, jonbern im ©erben ift ba« Seben ber 3b«en. 
5)er ©«ift muft leiblich wrrben, ©eftalt unb inbioi* 
bueQed Seben gewinnen. Wicht« ift geeigneter, ibeale« 
Streben in ÜJUfjcrebit $u bringen, al« ber Spiritua- 
li«mu« f bei bem alle« innerlich bleibt. 2)er SOlenjch 
ift erft oollftänbig al« ein hanbelnber; unb jeber gute 


49 


©ebanfe, ber au« bem Seiche bet Siebe ftammt, will 
auch jur ^elfenben £anb unb $u einem befreienben 
unb feierlichen $h un werben. Da« ganje 9leue 3>fta« 
ment geigt bei jebcm fittlichen ©ejefc biefe innere (5cn* 
fequen}: bie ©ahrheit unb ihr ©eg in« Sehen jinb 
immer bei einanber; ber 3beali«mu« beö chriftlichen 
©eifieS bewährt ftcb immer an ber Sealität befi Sehen«, 

&Ue wahre Siebe hat an beut ersten Sehen, 
womit fie bie Seele füllt, ben unmittelbaren Sewei« 
ihre« göttlichen Ursprung«, unb ihr $h un ift immer 
eine Einigung be« Seitlichen mit bem ©wigen, mag 
e« im ©ro§en ober im Äleinen jein. Siehe an bei« 
nen Stanb in ben heiligen (Geboten (Motte«! ©eich 
eine Üuetle ber söefriebigung ift oft ba« Siebe«wirfen 
gerate in ben einfachen Seben«oerhältniffen unb bie 
ireue in ben nächften Pflichten! 6« ift eine Crb« 
nung ©otte« in feinem Seich, ba§ man fich bem 3heal 
am ftcherften nähert, wenn man bie gegebene ©irf« 
lichfeit richtig unb benufet. 

Die Äraft ber Selbftoerläugnung, welche ber na¬ 
türliche 5)lenfch babci oft ,ju üben hat# liegt in bem 
©lauben an bie ewige Siebe (Motte«, bie bie« ju 
beinern $eil fo gewollt — „Sa§ bir an meiner ©nabe 
genügen* — in bem grcbgefühl, an jeinem Seiche 


4 



50 


tfcilju^abeii. 3h™ felige gru<ht ift bie 3ufriebenbeit 
unb bie Ergebung in (einen ©iflen, bie heitere tRuhe, 
Älarlpeit unb Sicherheit be« Sein®, bie man erwirbt, 
wenn man fo von ftd> le®, unb hoch eigentlich erft 
ju fuh felbft gefemmen ift, gu tem wahren Selbft, 
ba8 3eber »erborgen in fuh tragt. 

©ir h<*&en einen ©lief get^an in bie wunber* 
bare ^^atfac^e p bafj e® in biefem wirren ©eltwefen 
ein Oteich be® grieben® giebt, bajj barin 3rbif<he® 
unb #immlifihe«, 3citUd?eö unb (Ewige®, feine abjo* 
luten ©egenfäfce unb fein b!o§e« Wacheinanber fmb, 
bajj e® möglich ift, ba« irbijehe Sagewer! $u öoÜ- 
bringen mit bimmlifebem Sinn, unb bajj bie® bie 
©runblage aller wahren 8eben6ibealitat ift unb be® 
grieben®, ben bie ©eit nicht geben unb nicht nehmen 
fann. „©em 3«it bie Gwigfeit unb (Ewigfeit bie 
3eit, ber ift befreit »on allem Streit." 

So finb wir bei bein, wa« $u fuchen wir au®» 
gingen. 2>ie® 9tei<h ift bie Stätte, wo ©ott felbft 
un® bie ©ieberherfteflung ber oerlorenen (Einheit mit 
ihm unb mit un« felbft, barbietet. Unb auch bamit 
fehren wir in unfern Anfang $uru<f, baß bie 3b**n 
im Sehen ihren Urjprung fjaben. (E® femmt barauf 


51 


an, bat? wir Äugen haben, reibt *u fe^en. „So ihr 
©tauben habt, werbet ihr bie £errlicb!eit be« $<5rrn 
crHiefen.“ ©ie uingiebt un« $u unferra Streft unb 
©chufc, wie banal« ben ©Ufa, bem bie Äugen auf« 
getfyan würben, bie $>eere Wette« ju fe^jen um ihn 
her. „.fcCfrr, bafj id? fe^en möge! 1 ' 6« ift bie Sitte 
um ©rfenntnifi be« wahrhaften 3beal«, wa« bie Siebe 
©ctte« nicht al6 einen ©cbmucf in bie« meni<hli<he 
Sajcin berwebt, fonbern ihm jur ©runblage gegeben 
hat. (5« ift bie menfälittyfte unb eine göttliche Äunft, 
im ©egebenen ba« Wüte finben unb auf bie|e ©eife 
feh*n teuren. 

©e geht unfere Setra^tung unwiüfürlith in eine 
pabagcgiid?« Äufgabe au«. Sie ©rgie^ung hat immer 
ibeale 3*M(fe, wie man ft* «u<h bejeie^ncn mag. ©er 
in bem angegebenen ©inne erjie^en will, auch ftch 
fetber, mufj bie Ärdfte fennen unb benufcen, welche 
in biefem SHeicbe trirfjam ftnb. @« ftnb $erft«renbe, 
erhaltenbe unb aufbauenbe. 

©ie jerftbren ben natürlichen ©at?n ber (Sigen« 
liebe, fte erbalten unb benufcen bie natürliche Seben«« 
bafi« unb aQen SReicbthum be« ©eiftedleben«. Sa 
ift nicht« ben pietiftifcher ©nge. 3Nan mujj großer 
haben benfen. @« mu§ 3hm ade« bienen, auch bi* 



62 


Äunft unb bie ^bUcfepbi*, bie (*ntwicfelung bc« 
©taat«leben®, bie ©e»altigung bet Statur, unb fo 
für bie Sugenb bie Schäle beß SUtertbumö, unb felbft 
bie poetij$f greube an Schüler® Sbeaten. 3rrte er 
auch, bafj man nur burcb ba« ©iergentber be« S<h$* 
nen jur ©Jabrbcit gelange: bieje 3beaütät ift benncch 
fielen ein Schüfe »iber anbringenbe Oemeinfeeit ge» 
»erben, unb im reiferen SUter, »p begleichen Sbeale, 
»enn fie be® rechten 3uiammenbang® entbehren, ihre 
Ohnmacht beweisen, ben grieben ,^u geben, nach bem 
jebe® ©e»iffen ringt, »erben fie Manchem eine Srficfe 
$um poftHoen Gferiftentbnm. 9Ufo »ie bie Schrift 
lagt: *01 ift atle« euer, ihr aber feib Öbrifti.* Unb 
auf bie* felige Sein unb ©leiben in 3b m ÜI *b 
Sitten burch 3b n ift bic auferbauenbe Äraft be® 
Reiche® C^ctteö gerichtet in Sebem, ber 3bm angebert. 

Die 3 u Fun ft, bie not ber Sugenb liegt, ift »ie 
ein frembe® £anb, in ba® fte reifen iofl: nicht« ift 
nötbiger, al® fie baju mit bem $u &erfefeen unb au®» 
prüften, »a® fie nach ber Sefchaffenbeit be® tfanbe« 
burchau® nicht entbehren fann. Äenntniffe an fuh tbun 
e® nicht. liefet gebt ba® ©ebürfnife ber ©Übung be® 
©efübl®, be« Sillen®, ber ftymtafif. Stur $u ge» 
»ßbnUch ftebt bie 3ngenb, »eil ba« »erfäumt ift, »ie 


53 


ben £>erlocfungen be« Schein« unb ber Suft, fo ber 
rauhen, unbarmherzigen ©irflichfeit rathle« gegen* 
über. Da liegen bie wichtigften Aufgaben ber Gr* 
jiehung. Soll bie Sugcnb oor bem »erführerifchcn 
3 beali«mus bewahrt bleiben, fo mu§ fte früh lernen, 
bajj ber 9Renf$ gar nicht baju ba ift, glücflich 511 
fein, im »ulgairen Sinne be« 2Öert«, unb bajj ber 
Schmerz eine öebingung befl IDajcin* ift. Slber fett 
fte barum zu einer gebrücflen 9iefignatien, $u einem 
trüben Grnft erlogen »erben? £ad ift fo wenig ge* 
meint, bafj gerabe ba« Gntgegengefefcte, bie frohe 3«- 
©erficht eine« aufftrebenben, tätigen Seben« ba« püba* 
gegifche 3 i«l fein mujj. Grreidpt fann es nicht werben, 
wenn nicht auch irbifchefi Seib unb Gntbehrung als 
eine Drbnung ©otte« begriffen wirb. 2öaS für ein 
Segen liegt in rechtoerftanbenem Scibe; wie erglänzt 
oft ba erft bie rechte ©eifteSjchenheit unb bie Äraft 
ber Siebe! 9Ufo aufne^men lernen foU eS auch bie 
3 ugenb fehen mit bem wa« fchwer unb fc^merglic^ 
fc^eint, aber eigentlich gerabe ba« ift, woburch fie früh 
ber 3 bealitätinne werben fann, ju ber wir gefefjaffen finb. 

ü)as ift eine fchwadje, feige unb furjftchtige ^ü* 
bagogif, bie nicht $u rechter 'JBehrhaftigfeit wie gegen 
bie Suft, fo gegen ben Schmerz ergehen will, bie 



64 


feine 3ucfyt übt, bie ©cfühle ju beherrschen, um einem 
Oberen ©eje$ mit frö^lic^^m ©emüth bienen $u fön* 
nen. £ad aber wirb nur in ber Schule bcr 3beale 
gelernt, bie leben in tiefer 3eitli^feit eine IBürgfcbah 
unferer ewigen Öeftimmung ftnb. Sticht« trauriger 
a U eine frühjeitig alte Sugenb ebne 3beale unb ohne 
öegeifterung für fit, fein größere« ©lücf a(6 bie 
rechten Sbeale im £er$en tragen, bie, wenn alle an» 
beren uerfagen, nic^t aufhören bem Peben Sicht unb 
4 >alt ju geben. 

Unb gerate in ber ©egenwart, meiner 3<it geh* 
ba« junge ©ejchleeht entgegen! 2/ie Entfaltung beö 
weltlichen hebend überflügelt fd?cn nicht nur ba« fir<h* 
liehe, fonbern ba« tiefere ©emüth«leben überhaupt, 
unb ber fiegreiche gertfe^ritt ber menjchlichen £err» 
fchaft über bie Statur nimmt auch hie ©eifter ge» 
fangen. 3&a« Wirb au« unferm 5$elf, wenn e« babei 
nicht bie ibealen $>ehenvuncte Cm {wrgen unb ©e» 
wiffen bewahrt. Dh ne fie führen auch bie großartig* 
ften grrtfehritte im fDtateriellen unb in ber 3nbuftrie 
ficher jur Barbarei, unb bei jebeinbarer güUe jut 
8 eben«eerartnung. 3« fclcher 3eit ber Erweiterung 
unb unruhigen 53ermannichfaltigung alle« äuftern unb 
öffentlichen Sehen« gilt e« mebt all je: SJtan mup 


55 


feie Sterne im $luge teilten, n>enn man ftd> au* feer 
(Srfee orientiren will. 2 )arum $at feie (Srgie^ung feine 
wichtigere Aufgabe aU bas in afler Unruhe unb allem 
SBed?fel allein gefte, ÜJauernbe unb ©wige fennen unb 
lieben $u lehren. 

Söoflte ©oft bie $ur Grrjiehung berufenen, feie 
gamilie, feie Jtircbe unb bie Schule, fcfclöffen in bie* 
fein Sinne tyre Freiheit immer metyr 311 feer ©intyeit 
beS Sollend unb Ü^und jufammen, feeren lefcteS 3iel 
fein geringeres ift als feie herrliche grei^eit feer Äinfeer 
©ctteS. — 



H q d) w o r t 


(Sd war nicht meine 8bfieht, bie anwachfenbe Bortragl« 
Literatur meinerfeit! bie!mal weiter $u mmetyren. 25afc 
e« bennoeh gefehlt, mögen $ie oerantworten, beren 2öün» 
fehen ich nacbgebe, weit ich auf tyr Urteil 21'erttj lege. 
(So mag alfo auch biefe Baienprebtgt binauegeben, unb 
Derfudjen, ob fte ebenfo Befer finbet, wie fie empfängliche 
£crer gehabt bat. 3$ laffe um i^retf allgemeinen 3n» 
baltl wißen bie 3uft^rlft eine« $reunbe! darüber folgen. 

Berlin, SO. Vtfrj 

-*3<h berftepe übrigen! febr wobl ©eine Scheu 

»er ber Bercffentlichung, um bie man -Dich gebeten bat. 
üin Bortrag wie biefer ift ja nicht eine ©ebanfenarbeit, 
bei ber e! gleichgültig ift, ob ber Q)eift fte bnreh ba« Ohr 
ober burep ba! Äuge empfängt. Seine eigentliche Bebeu* 
tung nnb JBlrtfamfeit liegt barin, bafc ba! eigene perfen* 
lt«he Beben »efl bnreh bi* befreite Siebe pulfirt, nnb fo ber 
gange SJJenfch fi<b bem herenben gegenüberftedt unb hin* 


57 


giebt. $n aller ©erebfamfelt liegt bä# fcinteifeenbe oiel 
mehr in bem, wa# ber Äebner ift, ale in bem, wal er 
benft unb fagt. ©anj befenber* gilt bieÄ, wenn er einen 
©egenjlanb bat wie ber, bcn Du Dir bieÄmal, nicht iriCl- 
fürlich, getränt baft. Da femmt re t>or allem barauf an, 
ba§ ber £örer ben öinbrucf eined entfprecbenben Sehen* 
in bem Diebner felbft empfange, bamit baefelbe gleiebfam 
in einem geiftigen #änbebru<f wie ein eleftrifcber fcunfe 
»cn ßinem $um Änbern ^inüberfpringe unb ficb mittbeile. 
$ei einem Slubitorium wie ba*, welche? Du nun fo oft 
fcbcn hier ocr Dir gelegen baft, unb gu bem Du in einem 
ffUeebfelurrbältnifj geiftiger unb gemfit^ltc^er ©emeinfcbaft 
ftebft, barfft Du unb mufjt Du gerabe auf eine folcbe 
5Sirfung rechnen; unb e* ift febr natürlich, bafc Du feine 
Suft ^aft ju fprecben, wo Dir fein @cbo entgegentönt, 
unb ble 2£crte, bie aut Deinem innerften Sebentgrunbe 
quellen, „ber unbefannten Wenge" babinjugeben. 

Unb hoch, lafc Dieb bunb bie* natürliche ©efüljl nicht 
abbalten. 3lu* bie unbefannte Wenge ift ja eine &e< 
meinbe oen Wenfcben, oon näher ober ferner, aber bennoeb 
uerwanbten trübem; unb ee müfjte beeb wunberlieb 3 U« 
geben, wenn bie 'J'eTfenlichfeit auch ohne bie Butbat be* 
Dent, be« SPlicfe, ber ganjen äußeren Grfcbeinung, ni<bt 
aueb in ben gebrueften SSerten ft<b geltenb machen füllte, 
wenn nur biefe ©orte felbft ni«bt blot gebaute, fonbern 
innerlich empfunbene unb erlebte finb. Unb wenn Dir felbft 


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babei jene? SBecbfeloerhaftnib fehlt, bad au? bem laufcten: 
ben Kteife bet begeifternb auf ben SRebnet jurücf* 

wirft, fo fteße 2>ir bageg es bad ©üb bed tfeferd im ftillen 
Kämmerlein »er, bet bie wenigen ©lattej mit 2 >anf wie 
für einen furjen frrunbllchen ©efuch 3uru<flegt , füitf 
bein ©rob in ben Strom: ©ott wirb ed bem hungrigen 
jufÖhren!“ 

Slifo, ich bitte X>ich, lafj Dein 5 Bort ^inauSge^en in 
bie €>effentli<bfeit. Vielleicht begegnet ed auch bi« »nb ba 
Ginem, beT mit und jung gewefen, ber mit und gefchwärmt 
bat in einer 3*it, bie bem Sbealen mehr jugewanbt war 
ald bie je&ige, unb bem ed nun jugleich eine liebe ©rinne* 
tung unb ein treftliched 3<ugnig ift, ba§ bie rechte 3u8«nb 
und nicht entflogen, bah bie inhaltdeoHeren 3beale bed 
hebend burd? feine Säufdjung unb ©nrtäufcbung und ab? 
banten gefemmen, tielmebc ba§ fie im fünften »Sinne 
erfüllt finb, wenn auch ihre ©eftalt eine anbere fein mag, 
all bie fugenbliche 'Phantafie fich rerbilbete, Vielleicht locft 
unb mahnt ed auch in bet beranwachfenben ©eneraticn, 
beten Wange! an 3 bralit 5 t unb ©egeifterung im Vergleich 
mit unfcrer 3agenbjeit wir beflagen, ben ©inen ober ben 
$lnbem baran, bah er in einer 3 *Ü, bie grob im Realen 
ift, bcd 3bealen nicht uergeffe, bad auch in ber reichften 
SBirflicbfeit allein ba« ÜBefentlich« unb (Jwige ift. 

6 « tbut heutzutage wohl 9 lctb, bag 3«ber, ber eine 
Stimme hat, ber Wcnfchh*it baoon prebige, in« €h r ttnl > 


59 


auf ben ©S<$ern, $ur 3eit unb jur Unjett. Unb wenn 
©eine «Stimme fid» junSdjft an He (tycbilbeten wenbet, 
unb el f^einen mo<bte, all cb nur für fie bie 3beale bei 
Seben* ba fein fennten, unb ben unjä^ligen ©aujenben, 
bie fi$ abmüben nur für bie *Wogli<$feit bei armen ©a* 
fein*, bie (?r$ebung in bie 2Hclt ber 3bee oerfagt wäre, 
fc mögen au* ©einen Porten gerabe bie ©ebilbeten lernen, 
ba[$ bie redete 3b^Iiftrung bei Seben* für Sille, bie <5)e* 
bilbeten wie bie Ungebilbeten, bie JRei^en wie bie Sinnen, 
bie Herren wie bie ©iener, in bet Heiligung bei Seben* 
heftest, ber Heiligung burd) glauben unb Siebe. 

Unfere 3«it ift ber Arbeit gugewanbt, ber realen, pro» 
buctieen Arbeit: aber jebe Slrbeit, auch bie geringfte, unb 
in tauber SHirfli^feit brüdenbfte. bie faure, taglidje Slrbeit 
föwerer, niebriger ©ienfte, ift eine ibeale, wenn fie geheiligt 
wirb burep ©reue, ©emut$, ^elbfiDerleugnung. - - 

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